online gestellt: Juli 2004

Therapieempfehlungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft


Selbstmedikation bei Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp
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Evidenzbasierte Empfehlungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG)


Fassung für Apothekenfachpersonal



Einleitung

Die Selbstmedikation von Kopfschmerzen durch die betroffenen Patienten ist weit verbreitet. Dadurch kommt hier der Beratung in der Apotheke ein besondere Bedeutung zu. Um das Apothekenfachpersonal bei dieser wichtigen Aufgabe zu unterstützen, sind die aktuellen Empfehlungen der DMKG nachfolgend kurz zusammengefasst.


Kopfschmerzarten

Etwa 90 Prozent der Menschen mit Kopfschmerzen leiden entweder unter einem Kopfschmerz vom Spannungstyp, verkürzend meist Spannungskopfschmerz genannt, an Migräne, oder einem Kombinationskopfschmerz aus diesen beiden Formen. Diese Kopfschmerzen werden auch primäre Kopfschmerzen genannt, d.h. sie sind keine Folge anderer Erkrankungen, sondern die Kopfschmerzen sind selbst die Erkrankung und aus medizinischer Sicht nicht gefährlich, auch wenn sie die Lebensqualität der Betroffenen teilweise ganz erheblich beeinträchtigen.

Kopfschmerz vom Spannungstyp
Beim Kopfschmerz vom Spannungstyp wird die episodische von der chronischen Form unterschieden. Vom chronischen Spannungskopfschmerz spricht man, wenn wenigstens an 15 Tagen/Monat Kopfschmerzen auftreten. Dieser Kopfschmerz ist üblicherweise drückend bis ziehend, in der Intensität leicht- bis mäßig, beidseitig und verstärkt sich nicht bei körperlicher Aktivität. Übelkeit, Geräusch- und Lichtempfindlichkeit können vorkommen.

Migräne
Bei der Migräne handelt es sich um Kopfschmerzattacken mit einer Dauer von 4–72 Stunden. Der Schmerz ist bei etwa 70% der Betroffenen einseitig, sein Charakter eher klopfend, pochend, pulsierend und seine Intensität mäßig bis stark, so dass übliche Alltagsaktivitäten erschwert oder unmöglich gemacht werden. Beim Treppensteigen oder bei üblicher körperlicher Aktivität wird der Schmerz meist verstärkt. Während des Kopfschmerzes treten Begleiterscheinungen wie Übelkeit und/oder Erbrechen sowie Geräusch-, Licht- und Geruchsempfindlichkeit auf. Bei der Migräne mit Aura, an der etwa 15% der Migränebetroffenen leiden, treten vor der Kopfschmerzattacke zusätzlich neurologische Symptome auf, die sich allmählich über 5–20 Minuten hin entwickeln und weniger als 60 Minuten anhalten. Kopfschmerz, Übelkeit und/oder Lichtempfindlichkeit schließen sich üblicherweise direkt an die neurologische Aurasymptomatik an oder folgen ihr nach einem freien Intervall von weniger als einer Stunde. Die Kopfschmerzphase kann in Einzelfällen auch vollständig fehlen. Die typische Aura besteht in Sehstörungen, halbseitigen Sensibilitätsstörungen, Hemiparese, Sprachstörungen oder einer Kombination solcher Symptome.

Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch
Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen stellen in der Migräne- und Kopfschmerztherapie ein ernstes Problem dar. Es handelt sich dabei um einen diffusen, dumpf-drückenden oder auch pulsierenden Dauerkopfschmerz, der sich durch die tägliche oder fast tägliche Einnahme von Migränemitteln oder Analgetika entwickeln kann. Besteht der Verdacht auf einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz, sollte den betroffenen Personen dringend ein Arztbesuch angeraten werden, um gegebenenfalls einen ambulanten oder stationären Entzug einzuleiten. Eine Umstellung auf andere Medikamente ist bei Vorliegen eines medikamenteninduzierten Kopfschmerzes erfahrungsgemäß erfolglos. In der Beratung dieser Patientengruppe sehen wir eine besonders wichtige Aufgabe des Apothekers.


Selbstbehandlung von Kopfschmerzen

Grundsätzlich können die primären Kopfschmerzen Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp vom Patienten selbst behandelt werden. Die seltenen Kopfschmerzformen wie Cluster-Kopfschmerz, Trigeminusneuralgie, atypische Gesichtsschmerzen etc. bedürfen ärztlicher Diagnose und Therapie. Darüber hinaus ist ein Arztbesuch unbedingt angezeigt, wenn Im Zweifelsfall ist immer zu einem Arztbesuch zu raten, wobei üblicherweise der Hausarzt, der den Patienten kennt, der erste Ansprechpartner sein sollte.


Auswahl der beurteilten Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen

Die Empfehlungen der DMKG zur Selbstmedikation bei Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp berücksichtigen nur arzneiliche Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen nach Art und Dosierung, die in Deutschland nicht der ärztlichen Verschreibungspflicht unterliegen. Zu deren Beurteilung wurde nach den Kriterien für die Entwicklung evidenzbasierter Leitlinien eine systematische Literaturrecherche durchgeführt und eine Bewertung der klinisch relevanten Studien nach einer einheitlichen Methodik vorgenommen. Dies führt zu folgenden Empfehlungen der DMKG.


Selbstbehandlung bei Kopfschmerzen vom Spannungstyp

Mittel der 1. Wahl sind: Einzeldosis mit 1000 mg Acetylsalicylsäure

Einzeldosis mit 400 mg Ibuprofen

Einzeldosis der fixen Kombination aus 500 mg Acetylsalicylsäure + 500 mg Paracetamol + 130 mg Coffein
(In Deutschland steht derzeit kein Kombinationspräparat mit einer identischen Zusammensetzung zur Verfügung. Es sind jedoch mehrere Präparate mit einer nur geringfügig abweichenden Zusammensetzung erhältlich. Geplant ist die Einführung einer Kombination mit Paracetamol 250 mg, Acetylsalicylsäure 250 mg und Coffein 50 mg)
Mittel der 2. Wahl ist: Einzeldosis mit 1000 mg Paracetamol



Bei allen anderen Wirkstoffen bzw. Wirkstoffkombinationen gibt es keine oder nur mangelhafte Hinweise für ihre Wirksamkeit. Einzelnen Patienten, die mit diesen Medikamenten bisher ihre Spannungskopfschmerzen erfolgreich behandelten, sollte diese Möglichkeit offen stehen.


Selbstbehandlung akuter Migräneattacken mit und ohne Aura

Mittel der 1. Wahl sind: Einzeldosis mit 1000 mg Acetylsalicylsäure

Einzeldosis mit 400 mg Ibuprofen

Einzeldosis mit 1000 mg Paracetamol

Einzeldosis der fixen Kombination aus 500 mg Acetylsalicylsäure + 500 mg Paracetamol + 130 mg Coffein (In Deutschland steht derzeit kein Kombinationspräparat mit einer identischen Zusammensetzung zur Verfügung. Es sind jedoch mehrere Präparate mit einer nur geringfügig abweichenden Zusammensetzung erhältlich. Geplant ist die Einführung einer Kombination mit Paracetamol 250 mg, Acetylsalicylsäure 250 mg und Coffein 50 mg)



Bei allen anderen Wirkstoffen bzw. Wirkstoffkombinationen gibt es keine oder nur mangelhafte Hinweise für ihre Wirksamkeit. Einzelnen Patienten, die mit diesen Medikamenten bisher ihre Migräneattacken erfolgreich behandelten, sollte diese Möglichkeit offen stehen.


Selbstmedikation zur Prophylaxe von Migräneattacken

Obwohl die wissenschaftliche Evidenz für eine Empfehlung der Migräneprophylaktika Cyclandelat, Magnesium und Pestwurz nicht ausreicht, sollte einzelnen Patienten, die eine Migräneprophylaxe hiermit anstreben, diese Möglichkeit offen stehen.


Empfehlungen für Kinder, Schwangere und stillende Mütter

Bei diesen Personengruppen sollte vor einer möglichen Selbstmedikation eine ärztliche Diagnose und Therapieempfehlung erfolgen.


Vermeidung von Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch

Nach derzeitigem Stand des Wissens ist davon auszugehen, dass Patienten mit primären Kopfschmerzen, die über einen längeren Zeitraum überhöhte Dosierungen von Kopfschmerz- und Migränemedikamenten einnehmen, ein höheres Risiko für die Entwicklung von Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch besitzen – unabhängig davon, ob es sich um Mono- oder Kombinationspräparate, um Analgetika, ergotaminhaltige Präparate oder Triptane handelt. Wichtiger als die Zusammensetzung der Präparate ist die Häufigkeit ihrer Einnahme und ihre Dosierung, also ihr bestimmungsgemäßer Gebrauch.

Deshalb empfiehlt die DMKG, alle Kopfschmerz- und Migränepräparate zur Vermeidung der Entwicklung medikamenteninduzierter Kopfschmerzen nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als an 10 Tagen pro Monat anzuwenden.


Empfehlungen zur nichtmedikamentösen Behandlungen

Allen häufiger von Kopfschmerzen betroffenen Patienten sollte zu regelmäßigem Ausdauersport ( z.B. Jogging; Radfahren) sowie dem Erlernen der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson geraten werden. Bei psychologischen Schmerztherapeuten können darüber hinaus Methoden zur Stress- und Schmerzbewältigung, kognitive Techniken sowie eventuell Biofeedback-Methoden erlernt werden.


Kopfschmerzliteratur für Betroffene
DMKG