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Kopfschmerz-News

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01. Migräne, Epidemiologie

**** Radtke A, Lempert T, Gresty MA, Brookes GB, Bronstein AM, Neuhauser H. Migraine and Ménière’s disease. Is there a link? Neurology 2002;59:1700-1704

Zusammenfassung:

Schon der Erstbeschreiber der Ménière’schen Beschreibung, Prosper Ménière selbst, hatte einen Zusammenhang zwischen Migräne und der nach ihm benannten Krankheit vermutet. Bisher gibt es keine prospektive Fall-Kontrollstudie, die eine mögliche Assoziation zwischen Morbus Ménière und Migräne untersucht hätte. Die Autoren aus Berlin und London rekrutierten 78 Patienten mit einem Morbus Ménière, die sich in den Jahren 1990 bis 1999 vorstellten. Alle 114 Patienten wurden gebeten, an einer Befragung teilzunehmen. 78 Patienten erklärten sich dazu bereit. Es handelte sich um 38 Männer und 40 Frauen im Alter zwischen 29 und 81 Jahren. Die Krankheitsdauer zum Zeitpunkt des Interviews betrug im Mittel 10 Jahre. Als Kontrollgruppe wurden 78 alters- und geschlechtsgematchte Patienten einer Orthopädischen Klinik benutzt, die dort wegen eines orthopädischen Problems oder eines Traumas operiert wurden. Die Lebenszeitprävalenz einer Migräne mit oder ohne Aura betrug 56% in der Gruppe der Patienten mit Ménière’scher Erkrankung und 25% in der Kontrollgruppe. Der Unterschied war statistisch signifikant. 45% der Patienten, die unter einem Ménière litten, hatten während ihrer Ménière-Attacken mindestens ein Migränesymptom, wie halbseitige pulsierende Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit oder Aurasymptome. Das mittlere Alter bei der Erstmanifestation war im Schnitt 14 Jahre früher für die Migräne als für die Ménière’sche Erkrankung.

Kommentar:

Die hier durchgeführte Studie ist die erste prospektive Studie, die einen Zusammenhang zwischen Ménière’scher Erkrankung und Migräne belegt.

Auffällig war die Tatsache, daß viele Patienten, die unter beiden Krankheiten leiden, auch während Ménière-Attacken Migränesymptome haben. Umgekehrt gibt es auch Patienten, bei denen die Migräneaura sich fast ausschließlich in vestibulären Symptomen manifestiert. Die Autoren diskutieren eine pathophysiologische Verbinderung zwischen beiden Erkrankungen. Dies müßte dann allerdings am ehesten im Sinne einer Kanalerkrankung sein, da beide Krankheiten intermittierend mit zum Teil längeren beschwerdefreien Intervallen auftreten. (HCD)

*** Lipton RB, Scher AI, Steiner TJ, Bigal ME, Kolodner K, Liberman JN, Stewart WF. Patterns of health care utilization for migraine in England and in the United States. Neurology 2003;60:441-448

Zusammenfassung:

Seit der Einführung der Triptane hat sich der Erkenntnisstand über die Migräne sowohl in der Bevölkerung wie bei den Ärzten dramatisch verbessert. Aus epidemiologischer Sicht ist es wichtig zu wissen, wie viele Patienten, die unter einer Migräne leiden, tatsächlich in ärztlicher Behandlung sind und was die Gründe dafür sind, daß ein bestimmter Prozentsatz der Patienten den Arzt nicht konsultiert. Im vorliegenden Falle wurden in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten 8.383 Individuen telefonisch befragt. Alle Befragten, bei denen 6 und mehr Migräneattacken/Jahr bestanden, wurden einem gründlichen Interview unterzogen. Dies waren 143 in Großbritannien und 246 in den Vereinigten Staaten.

Patienten in Großbritannien suchten häufiger wegen Kopfschmerzen ein Arzt auf als in den Vereinigten Staaten (86% vs. 69%). In den Vereinigten Staaten suchten Frauen häufiger als Männer wegen der Migräne einen Arzt auf. Die richtige Diagnose einer Migräne wurde in Großbritannien bei 67% der Patienten gestellt und in den Vereinigten Staaten bei 56%. 27% der Befragten gaben an, sich nicht mehr in ärztlicher Behandlung zu befinden, wobei der häufigste Grund war, daß sich die Migräne in der Zwischenzeit gebessert hatte. Am zweithäufigsten wurde angeführt, daß die Patienten über eine wirksame Therapie verfügten. Am häufigsten wurde die Migräne mit freiverkäuflichen Medikamenten behandelt. Zwischen 3/4 und 2/3 der Patienten, die keinen Arzt aufsuchten, eine falsche Diagnose hatten oder ihre Migräne nur mit freiverkäuflichen Medikamenten behandelten, waren durch die Migräne deutlich beeinträchtigt.

Kommentar:

Diese große epidemiologische Untersuchung in den Vereinigten Staaten und Großbritannien zeigt, daß die Kenntnisse über die richtige Diagnose und Behandlung einer Migräne immer noch nicht weit genug verbreitet sind. Erschütternd ist die Tatsache, daß zwischen 1/3 und der Hälfte aller Patienten eine falsche Diagnose erhalten. Nicht verwunderlich ist dann, daß, wenn diese Patienten nicht entsprechend behandelt werden, eine entsprechende Behinderung im Alltagsleben resultiert. Die Ergebnisse zeigen, daß trotz der Bemühungen der pharmazeutischen Industrie und der Fachgesellschaft in den letzten 10 Jahren mehr Kenntnisse über Migräne zu verbreiten, immer noch viel zu tun ist. (HCD)


DMKG