Categories
Articles

Kopfschmerz-News März 1997

< – Inhaltsverzeichnis


II. Migräne Pathophysiologie

1. **** Thompsen L.L (1995) Arterial mechanisms in the pathophysiology of migraine headache – implications for modern therapy. European Journal of Neurology 2: 403-415.

In diesem Review erörtert der Autor die mögliche Bedeutung spezifischer Mechanismen in cerebralen Arterien für die Pathophysiologie der Migräne. Dabei beschreibt der Autor didaktisch geschickt zunächst die früher verwendeten, dann die jüngeren Untersuchungsmethoden und vermittelt dem Leser damit chronologisch aufbauend die wichtigesten Erkenntnisse, die zur Pathophysiologie der Migräne in den letzten 20 Jahren gewonnen wurden. Er gibt zunächst einen Überblick über die ersten rCBF-SPECT-Studien Anfang der achtziger Jahre, diskutiert deren Aussagekraft und erläutert dann die Erkenntnisse der neusten PET-Studien. Danach werden mögliche Blutflußänderungen in größeren cerebralen Gefäßen anhand der bekannten Doppler-Studien erläutert.

Der Autor verläßt dann die klinisch verfügbaren Techniken und wendet sich der Anatomie und Biochemie der cerebralen Gefäße zu. Er erläutert die Innervation der cerebralen Gefäße durch die einzelnen Systeme und deren Neurotransmitter sowie deren Bedeutung: das sensible System mit CGRP, Substanz P und Neurolinin A, das sympathische System mit Noradrenalin und NPY sowie dem parasympathischen System mit Acetylcholin, VIP und NO. Der Autor diskutiert dann die mögliche Funktion des Endothels sowie der glatten Gefäßmuskulatur für die Schmerz-entstehung. In diesem Zusammenhang werden die mögliche Rolle von Nitric oxide bei der Schmerzentstehung und die möglicherweise hieraus resul-tierenden Therapieansätze skizziert.

Insgesamt ist diese Arbeit nicht nur eine gut aufbereitete Zusammen-fassung der letzten 20 Jahre, sondern auch eine geschickte Einführung in die Methoden, die früher und heute verwendet wurden. Ein lohnender Review für alle, die sich für die Pathophysiologie der Migräne interessieren. (VL)

2. * Ottman R, Lipton RB (1996) Is the comorbidity of epilepsy and migraine due to a shared genetic susceptibility? Neurology 47: 918-924.

Im Rahmen einer Feldstudie an 1957 erwachsenen Epilepsiepatienten wurde die Hypothese untersucht, ob die bekannte Comorbidität von Epilepsie und Migräne auf genetische Ursachen zurückzuführen ist. Hierbei wurde zum einen die Häufigkeit von Migräne in Familien von Epilepsiepatienten mit einer genetisch bedingten versus einer eher nicht genetisch bedingten Form der Epilepsie verglichen. Statistisch signifikante Unterschiede fanden sich bei diesem Vergleich nicht. Zusätzlich wurde bei Verwandten der Epilepsiepatienten mit oder ohne Migräne das gleichzeitige Auftreten von Epilepsie untersucht. Auch hier ergaben sich keine Gruppen-unterschiede, so daß insgesamt kein Hinweis für eine genetische Grundlage der Comorbidität von Epilepsie und Migräne gefunden wurde.

Die Studie weist erhebliche methodische Mängel auf, so daß dieser Aussage nur eine sehr begrenzte Wertigkeit zugeordnet werden kann. Als wesentliche methodische Mängel müssen genannt werden: 1. Die Datenanalyse und damit auch die Epilepsie-Klassifikation erfolgte anhand von Telefoninterviews – nur bei 60% der Patienten lagen Krankenunterlagen vor. 2. Die Gruppe der idiopathischen Epilepsien und diejenige der kryptogenetisch bedingten Epilepsien werden als genetisch bedingte Epilepsie-Syndrome zusammengefaßt und einer Gruppe postnatal erworbener symptomatischer Epi-lepsien gegenübergestellt. Dies ist unzulässig, da sich hinter der Klassifikation “kryptogenetische Epilepsie” überwiegend Epilepsien fokalen Ursprungs verbergen, welche eher nicht genetisch bedingt sind. 3. Das Geschlecht der untersuchten Verwandten der Patienten ist stark asymmetrisch, insofern, als daß 1174 Frauen, aber nur 231 Männer befragt wurden.

Insgesamt kann diese Studie somit nicht als Beleg dafür dienen, daß die bekannte Comorbidität von Epilepsie und Migräne keine genetischen Ursachen hat. Bei der Vielfalt der epileptischen Syndrome und den bisher schon nachgewiesenen Lokalisationen der Gendefekte auf verschiedenen Chromosomen, erscheint dies nicht verwunderlich. Als Hinweis darauf, daß bei syndromspezifischem analytischen Ansatz sehr wohl genetische Zusammenhänge nachgewiesen werden können, mag die Publikation von Lerman-Sagie T, et al (Epilepsia 1996 37; Suppl. 5:28) dienen, die bei der familiären hemiplegischen Migräne eine Assoziation mit Anfällen fokalen Ursprungs beschreibt. (AH)

3. ***** Panconesi A, Sicuteri R (1997). Headache induced by serotonergic agonists – a key to the interpretation of migraine pathogenesis? Cephalalgia 17:3-14

Die Rolle und Funktion von Serotonin bei der Migräne ist weiterhin ungeklärt. Die italienische Arbeits-gruppe versucht, diesem Problem näher zu kommen, indem sie die Auslösung von Kopfschmerzen durch Serotoninagonisten beschreibt und versucht, die Ergebnisse in ein hypothetisches Konzept über serotonerge Funktionen bei der Migräne einzubinden. Es werden mehrere Arbeiten referiert, die belegen, daß m-Chlorophenyl-piperazin (m-CPP) 8-12 Stunden nach oraler Gabe bei 54% aller Frauen mit Migräne in einer Dosis von 0,8 mg/kg migräneähnliche Kopfschmerzen aus-löst. Interessant ist allerdings, daß die höchste Plasmakonzentration der Substanz bereits nach 3 Stunden erreicht wird. M-CPP ist ein nicht selektiver Serotoninagonist mit hoher Bindungsaffinität für den 5-HT2C- und den 5-HT2B-Rezeptor. Es bindet sehr viel geringer an den 5-HT1A-, 5-HT1B- und 5-HT2A-Rezeptor. M-CPP führt allerdings nicht zu einer Freisetzung von Serotonin aus Blutplättchen. Ein möglicher Mechanismus wäre eine Vasodilatation folgend auf die m-CPP-induzierte Vasokonstriktion. Fenfluramin, ein Appetitzügler, ist ein anderer Serotoninagonist, der 1-3 Stunden nach oraler Einnahme bei 30% aller Migränepatienten zu Kopfschmerzen führen soll. Die Substanz hat eine hohe Affinität zu 5-HT2C-Rezeptoren. Interessant ist, daß einer der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, der wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde, nämlich Zimeldin, als häufigste Nebenwirkung zu Kopfschmerzen führte. Die anderen selektiven Serotonin-Wiederauf-nahmehemmer scheinen diese Nebenwirkung sehr viel seltener zu haben. Fallstudien beschreiben interessanterweise, daß die Injektion von Serotonin selbst neben ausgeprägten Nebenwirkungen sowohl Kopfschmerzen auslösen wie Kopfschmerzen bessern kann. Weiterhin beschreiben die Autoren ihre Erfahrungen, daß es einzelne Patienten gibt, bei denen Mutterkornalkaloide und Sumatriptan reproduzierbar den bestehenden Migränekopfschmerz verschlechtern statt verbessern. Dies könnte dadurch geschehen, daß in sehr hohen Dosen bei empfindlichen Personen zusätzlich zu den 5-HT1D-Rezeptoren auch 5-HT2C-Rezeptoren stimuliert werden. Diese Beobachtungen aus der pharmakologischen Neurobiologie können nur dann sinnvoll erklärt werden, wenn man davon ausgeht, daß bei Migränepatienten eine Überempfindlichkeit serotonerger Neurone im Hirnstamm besteht. 5-HT2B-Rezeptoren finden sich im Gehirn und im peripheren Gewebe sowie in Gefäßwänden. 5-HT2C-Rezeptoren sind ausschließlich im Gehirn exprimiert, dort mit Schwerpunkt in zentralen Strukturen, die in die nozizeptive Transmission eingebunden sind. Eine Lösung dieser interessanten Fragestellung wird aber erst erreicht werden, wenn für alle Serotonin-Unterrezeptoren spezifi-sche Agonisten und Antagonisten vorhanden sind, die auch beim Menschen gegeben werden können. (HCD)

DMKG