Forschungsergebnisse der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft

Kopfschmerz beim älteren Patienten

Prof. Dr. med. H.D. Langohr

Das am schnellsten wachsende Segment in der Bevölkerung westlicher Länder ist die Gruppe der über 65 Jahre alten Menschen. Diese zunehmende Alterung der Bevölkerung hat zur Folge, daß sich das Häufigkeitsspektrum von Krankheiten verändert und sich die Ärzte den Krankheitsbildern des höheren Lebensalters widmen müssen.
Allgemein wird angenommen, daß Kopfschmerz vorallem ein Symptom jüngerer Erwachsener ist. Kopfschmerzen treten aber auch bei älteren Menschen auf. Einige epidemiologische und demographische Studien zum Kopfschmerz bei Älteren haben gezeigt, daß alte Menschen häufiger unter Kopfschmerzen vom Spannungstyp und seltener unter einer Migräne leiden. Beim Dunedin Programm in Florida wurden jährliche Fragebögen an ältere Personen verschickt, um Erkrankungen aufzudecken (2). 1927 Frauen und 1040 Männer über 65 Jahren wurden befragt. Kopfschmerzen wurden von 13,9% der Frauen und von 6,5% der Männer angegeben. Von 28 ausgewerteten Symptomen stand Kopfschmerz bei Frauen an 10. und bei Männern an 14. Stelle. Über die Kopfschmerzklassifikation und die Alters- und Geschlechtsverteilung von Kopfschmerzen bei Patienten über 65 Jahren liegen nur spärliche Daten vor. In einer Studie aus dem Jahre 1974 fand Waters eine Prävalenz der Migräne bei Frauen im Alter von 75 Jahren und älter von 10%, während 21 bis 34 Jahre alte Frauen in 30% der Fälle unter Migräne litten (5). Bei Männern lag die Prävalenz der Migräne im Alter von über 75 Jahren bei 5% und im Alter von 21 bis 34 Jahren bei 17%.

Erst Solomon et al. haben die verschiedenen Untergruppen von Kopfschmerzen bei alten Menschen weiter klassifiziert (4). Dabei klagten von 120000 ambulanten Patienten der Cleveland Clinic 8289 über Kopfschmerzen. 423 Patienten mit Kopfschmerzen waren älter als 65 Jahre. Das mittlere Alter betrug 73,5 Jahre. Wie die Abbildung 1 zeigt, litten bei den über 65 jährigen Patienten 15% unter Migräne, 27% unter Kopfschmerzen vom Spannungstyp, 4% unter Clusterkopfschmerz. 39% der Kopfschmerzen waren Mischformen, vaskuläre oder nicht sicher zuzuordnende Kopfschmerzen. Im Vergleich dazu litten die jüngeren Patienten in 31% der Fälle unter Migräne, in 20% unter Spannungskopfschmerzen, in 3% unter Clusterkopfschmerz und in 45% unter anderen Kopfschmerzformen.

Abb.1: Prozentuale Verteilung der Kopfschmerzdiagnosen
bei jüngeren und alten Patienten



Wie die Abbildung 2 zeigt, war die Arteriitis temporalis beim Kollektiv der Alten genau so häufig wie eine Migräne. Alte Frauen leiden häufiger als Männer unter einer Migräne, einem Spannungskopfschmerz und einer Arteriitis temporalis. Alte Männer sind häufiger als Frauen von den selteneren Kopfschmerzformen wie Cluster-, posttraumatischer und Anstrengungs- Kopfschmerz betroffen. Die Diagnose einer Arteriitis temporalis wurde in der gleichen Häufigkeit wie die Diagnose einer Migräne bei älteren Patienten gestellt. Da die Prävalenz der Arteriitis temporalis bei Personen über 50 Jahre auf 0,13% und die der Migräne auf 10% geschätzt wird (5), gehen die Autoren davon aus, daß in ihrem Kollektiv nicht alle Migränepatienten erfaßt wurden. Neu aufgetretene Kopfschmerzen müßten dringend im Hinblick auf eine Arteriitis temporalis abgeklärt werden, weil sich die Symptome einer Arteriitis temporalis nicht eindeutig von den Symptomen benigner Kopfschmerzen unterscheiden lassen. Wichtige Laborparameter einer Riesenzellarteriitis und einer Polymyalgia rheumatica sind eine stark beschleunigte BSG, erhöhtes CRP, Haptoglobulin und Fibrinogen sowie ein Anstieg der Alpha-1- und Alpha-2-Globulinfraktion. Die schwerwiegendste Komplikation stellt die meist irreversible Erblindung eines Auges bei Befall der A. ophthalmica oder ihrer Endäste dar. Bei begründetem Verdacht ist ein rascher Therapiebeginn mit Kortikosteroiden angezeigt. Bei typischer klinischer Präsentation kann auf die histologische Diagnosesicherng mittels Biopsie der A. temporalis verzichtet werden.

Die Abnahme der Häufigkeit der Migräne wird auf eine verminderte Reagibilität der cerebralen Gefäße im Alter zurückgeführt. Im Gegensatz dazu wurde die Diagnose eines Kopfschmerzes vom Spannungstyp bei alten Menschen häufiger gestellt als bei jungen (27% vs. 20%). Diese Zunahme wird auf degenerative HWS- Veränderungen und häufige depressive Verstimmungen im Alter zurückgeführt. Eine Hypertonie kam häufiger bei Patienten mit Migräne als bei Patienten mit Cluster- und Spannungskopfschmerz vor. Keine sichere Korrelation ergab sich zwischen koronarer Herzkrankheit und Arrhythmien auf der einen Seite und Kopfschmerzen bei älteren Patienten auf der anderen Seite.

Abb.2: Prozentuale Verteilung der Kopfschmerzdiagnosen
bei alten Patienten (>65 J., n=423)



Durch eine neuere epidemiologische, italienische Studie aus dem Jahre 1996 wurden die Ergebnisse von Solomon im wesentlichen bestätigt (1). In dieser Studie wurden die IHS-Kritererien angewandt. Auch bei dieser Untersuchung nahm die Prävalenz der Kopfschmerzen im Alter ab. Der Kopfschmerz vom Spannungstyp kam am häufigsten vor. Es zeigte sich eine Korrelation zwischen einer Hypertonie und dem Auftreten von migräneähnlichen Kopfschmerzen. Bei Patienten mit Diabetes mellitus und bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit zeigten sich eher Kopfschmerzen vom Spannungstyp.

Aus neurologischer Sicht wurde 1994 von Pascual et al.(3) eine sehr wichtige Studie über neu im Alter aufgetretene Kopfschmerzen vorgelegt. Diese Studie umfaßt 3578 Patienten mit Kopfschmerzen, die ein Zentrum für Neurologie mit einem großen Einzugsgebiet aufgesucht hatten. Davon waren 193 Patienten älter als 65 Jahre ( 5,4%). Es wurden nicht nur die IHS-Kriterien angewandt, sondern es wurde auch eine moderne neurologische Diagnostik einschließlich CCT durchgeführt.
Die Ergebnisse der Studie bestätigen die früheren Beobachtungen, daß Kopfschmerzen mit zunehmendem Alter abnehmen. Wie Abbildung 3 zeigt, waren Kopfschmerzen vom Spannungstyp mit 43% und die idiopathische Trigeminusneuralgie mit 19% die häufigsten Kopf- und Gesichtsschmerzdiagnosen bei Patienten über 65 Jahren. Danach folgten Kopfschmerzen im Zusammenhang mit einer Subarachnoidalblutung, Kopfschmerzen bei Arteriitis temporalis und Kopfschmerzen als erstes Symptom eines intrakraniellen Tumors. 3 Patienten litten unter einem Schädelbasistumor und 5 Patienten unter einem Hemisphärentumor. Bei 6 Patienten wurde die Diagnose eines zervikogenen Kopfschmerzes gestellt. Weitere 6 Patienten klagten über eine postherpetische Neuralgie und 4 Patienten über posttraumatische Kopfschmerzen. Bei 4 Patienten entsprachen die Kopfschmerzen den Kriterien eines Kopf- oder Gesichtsschmerzes bei Erkrankungen des Schädels sowie im Bereich von Hals, Augen, Ohren, Nase, Nebenhöhlen, Zähnen, Mund oder anderen Gesichts- oder Kopfstrukturen. 3 Patienten litten unter einem Clusterkopfschmerz und 3 unter einem benignen Hustenkopfschmerz. Bei den verbleibenden 11 Patienten fanden sich Kopfschmerzen im Zusammenhang mit einer hypertensiven Krise, mit einem intrakraniellen Hämatom, als Folge einer Medikamentennebenwirkung, einer Occipitalisneuralgie, einer Migräne ohne Aura, eines Tolosa-Hunt-Syndroms oder eines atypischen Gesichtsschmerzes.

Abb.3: Diagnosen neu aufgetretener Kopfschmerzen bei älteren Patienten,
verglichen mit einem Kollektiv von jüngeren Kopfschmerzpatienten



Alte Frauen leiden häufiger als Männer unter Spannungskopfkopschmerz und Trigminusneuralgie. Posttraumatische Kopfschmerzen, Clusterkopfschmerz und benigne Hustenkopfschmerzen kommen fast auschließlich bei Männern vor (Abb.4).

Abb.4: Diagnosen neu aufgetretener Kopfschmerzen
bei über 65 Jahre alten Männern und Frauen



Zusammenfassung
Primäre Kopfschmerzen wie Kopfschmerzen vom Spannungstyp und Migräne beginnen signifikant häufiger unterhalb von 65 Jahren im jüngeren oder mittleren Alter, während die Trigeminusneuralgie, Kopfschmerzen nach Subarachnoidalblutung, bei Arteriitis temporalis, bei hypertensiver Krise und intrakranieller Blutung ebenso wie zervikogene Kopfschmerzen, Kopfschmerzen bei Hirntumor und der benigne Hustenkopfschmerz signifikant häufiger bei älteren Patienten auftreten. Bei etwa 15% der älteren Patienten wiesen die neu aufgetretenen Kopfschmerzen auf eine ernsthafte Erkrankung wie Schlaganfall, Arteriitis temporalis oder Hirntumor hin. Nur 1,6% der jüngeren Kopfschmerzpatienten litten unter diesen Erkrankungen. Auch bei neu im Alter aufgetretenen Kopfschmerzen war die häufigste Diagnose Spannungskopfschmerz. Wahrscheinlich besteht ein Zusammenhang mit Depressionen, Schlafstörungen und der Lebenssituation alter Menschen. Neu aufgetretene Kopfschmerzen im Alter bedürfen einer dringenden neurologischen Diagnostik, weil sie ein Symptom einer ernsthaften Erkrankung sein können.


Literatur beim Verfasser
DMKG
UPass